„Griff nach Westen“ – Ein Kommentar

Erst vor wenigen Tagen wurde der letzte Teil der zweiteiligen China-Dokumentation „Die neue Seidenstraße – Chinas Griff nach Westen“ im ZDF ausgestrahlt. Diese Reportage möchte ich zum Anlass nehmen um einen persönlichen Kommentar über die sehr einseitige Berichterstattung zu verfassen und um ein paar Fakten ins rechte Licht zu rücken.

Bereits dem Namen der Dokumentation lässt sich entnehmen was der Zuschauer zu erwarten hat. Chinas Vorgehen im Rahmen seiner Aktivitäten rund um die neue Seidenstraße, wird als übergriffig, beängstigend, bedrohlich dargestellt. Grundsätzlich freue ich mich darüber, wenn China stärker ins Licht der Massenmedien rückt, kommt die Nation doch im Verhältnis zu seiner schieren Größe, sowie der aktuellen geoplitischen und wirtschaftlichen Relevanz, häufig zu kurz. Für umso wichtiger halte ich eine neutrale, sachliche Berichterstattung.

China ist keine Kolonialmacht

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass China nie als Kolonialmacht aufgetreten ist. Vielmehr hatte sich das fortschrittliche Kaiserreich jahrhundertelang vom Rest der Welt und den „rückständigen Barbaren“ abgeschottet. Dieses Verhalten wird als Sinozentrismus bezeichnet, dieses Prinzip findet sich auch in der chinesischen Übersetzung des Landesnamen wieder 中国 (Zhong Guo, deutsch: „Reich der Mitte“).

Vielmehr waren es die westlichen Mächte – allen voran Großbritannien, aber auch Frankfreich, die USA, Deutschland, Österreich-Ungarn, Italien – die vor 150 Jahren das Kaiserreich in die Knie zwangen und ein „Jahrhundert der Demütigung“ einleiteten.

Untergang einer Weltmacht

Die Handelsbilanz mit China war lange zuungunsten des Westens ausgefallen. Während die Europäer Seide, Porzellan und Tee aus China begeehrten, vertrat das Kaiserreich den Standpunkt der Selbstgenügsamkeit und interessierte sich kaum für ausländische Waren. Dieses Ungleichgewicht hatte fatale Folgen für die betroffenen Volkswirtschaften.

Der Export von bengalischem Opium nach China stellte sich als lukrative Gegenmaßnahme heraus. Millionen Chinesen wurden abhängig, das führte zu eklatanten sozialen und wirtschaftlichen Problemen. Der Kaiser versuchte zunächst vergeblich den Handel zu verbieten, letztlich ließ er tonnenweise Opium britischer Händler beschlagnahmen, verbrennen und ins Meer spülen. Daraufhin begann der Krieg: Das britische Unterhaus entsandte seine Marineflotten um Wiedergutmachung einzufordern.

Die westlichen Truppen rückten bis weit ins Landesinnere vor, das Kaiserreich war der Invasion weder technologisch noch strategisch gewachsen und so musste der Kaiser nachgeben. Der Krieg endet mit fünfzehn verschiedenen Abkommen, den „Ungleichen Verträgen“, die o.g. Länder mit China abschlossen und die keinerlei Gegenleistungen für den Vertragspartner vorsahen. So rissen sich die westlichen Mächte das Kaiserreich rücksichtslos unter den Nagel.

Das bis dahin weitgehend isolierte Land wurde zur Öffnung seiner Märkte und Häfen gezwungen. Brittische Flotten durften sich ab sofort uneingschränkt auf allen chinesischen Gewässern bewegen. Darüber hinaus musste die bis dahin geschlossene Stadt Peking die Eröffnung von Botschaften erdulden. Das Land wurde zur Legalisierung des Opiumhandels genötigt, zur Abtretung der Insel Hong Kong, sowie zu horrenden Reparationszahlungen. Zudem öffnete man das Land für christliche Mission.

Erstarktes Nationalbewusstsein

Die beschriebenen Ereignisse um die beiden Opiumkriege leiteten den Niedergang der einstigen Hegemonialmacht ein und führten zu einem Jahrhundert der Ausbeutung, Demütigung und Erniedrigung durch den Westen. Das Volk verlor das Vertrauen in seinen Kaiser, in seine Werte, Tugenden und Traditionen. Zunehmende Aufstände (u.A. Boxeraufstand) läuteten das Ende des Kaiserreichs ein. Vor diesem Hintergrund ist es nur allzu verständlich, warum das chinesische Volk heute voller Nationalstolz auf die Entwicklungen der vergangenen 40 Jahre blickt und ein Land nahezu geschlossen hinter der kommunistischen Partei und ihren Errungenschaften steht.

Das Reich der Mitte(l) & Die Politik des Geldes

Heute ist China wirtschaftlich von neuem erstarkt und aus den globalen wirtschaftspolitischen Zusammenhängen nicht mehr weg zu denken. Über drei Jahrzehnte lang haben wir Technologie und KnowHow nach China geschafft, Unternehmen in Europa und den USA reiben sich die Hände nach dem gigantischen Absatzmarkt verlockender 1,4 Milliarden potenzieller Konsumenten. Gleichzeitig erlaubten günstige Fertigungsbedingungen die Konsumgier westlicher Verbraucher zu beglücken.

In o.g. Dokumentation wird China als bedrohliche Übermacht dargestellt, die rücksichtslos nach Territorien, Ressourcen und Macht im Westen greift. Dabei hat die Volksrepublik lediglich erkannt die Schwächen des Kapitalismus für sich zu nutzen: die Gier nach Kapital und das damit verbundene kurzfristige Profitdenken.

Und so funktioniert das: Entlang der neuen Seidenstraße kaufen sie sich ein, mit günstigen Krediten, die sie den lokalen Regierungen anbieten. Gleichzeitig wird die Planung und Realisation der Projekte, inklusive Arbeitskräfte und Material aus China vorgenommen. Kann ein Land die Schulden nicht begleichen, erlässt ihm die chinesischen Regierung die Schulden, beansprucht jedoch das Eigentumsrecht für die jeweiligen realisierten Infrastrukturprojekte (Häfen, Flüghäfen, Autobahnen) für 90 Jahre.

Auf diese Weise kontrolliert China heute (2018) bereits 10% der europäischen Hafenaktivitäten und hat sich strategisch kluge Zugänge zum Meer in Pakistan, Sri Lanka und Djibouti gesichert.

Wer ist das Raubtier?

Diese Frage stelle ich mir angesichts der einseitigen Darstellung. Den Chinesen die Schuld für diese Entwicklung zuzuweisen halte ich für falsch. In der Tat macht sich China zu Nutzen, dass die Regierungen dieser Länder auf einem System basieren, dass das Geld an erste Stelle stellt und in kurzfristigen Profiten denkt. Doch das eigentliche Übel sind nicht die Chinesen, sondern Regierungen und Beamte, die in Verhandlungen zugunsten des Kapitals, persönlichen Profiten und Status entscheiden, nicht zum Wohle ihrer Völker.

Es liegt mir fern China in diesem Kommentar als Wohltäter darzustellen. Viel mehr möchte ich Brücken bauen, durch Medien geschürte Ängste lindern und meinen Lesern die Chance eröffnen, ihre Sicht auf dieses andersartige Land und seine Politik, um eine zustätzliche Perspektive zu erweitern. Menschen brauchen unabhängiges Wissen um sie zu mündigen Akteuren unserer Gesellschaft zu machen. Darin sehe ich die eigentliche Aufgabe unabhängiger Journalisten und Beiträge der öffentlich-rechtlichen Medien.

Bild: https://pixabay.com/de/hong-kong-china-nacht-stadtbild-1081704/