Internet Zensur & Das Gras-Schlamm-Pferd

Der Ausdruck Gras-Schlamm-Pferd ist ein chinesisches-Wortspiel. Der Euphenismus wird von Internetnutzern zum Fluchen verwendet um die chinesische Internet-Zensur zu umgehen.

Internet-Zensur in China

Zur Wahrung der Sicherheit des Staates und der Interessen seiner Bürger und mit dem Ziel eine „harmonischen Gesellschaft“ zu entwickelt, hatte die staatliche Medienbehörde Anfang 2009 eine Richtlinie erlassen. Diese definiert dreißig Kategorien von online untersagten Inhalten, darunter Gewalt, Pornografie, ethnisch diskriminierende Aussagen oder Inhalte die die soziale Stabilität beeinträchtigen.

Die Internet-Zensur in China gehört zu den weltweit umfassendsten Zensuren. Sie wird national und regional von staatlichen Internetanbietern, Institutionen, Unternehmen und Freelancern umgesetzt. Keyword-Filter, filtern automatisch entsprechende Begriffe und löschen sie aus dem Netz.

Kreativer Protest mit Fabelwesen

Doch die Filter-Software filtert nicht automatisch alle erdenklichen Schreibvarianten einer Lautfolge. Chinesisch (Mandarin) ist eine Silbensprache. In der Regel bilden 2-3 Silben ein Wort. Dabei ist die Anzahl der möglichen Silben stark begrenzt. Gerade mal rund 400 verschiedene Silben kennt die chinesische Sprache. Zur weiteren Differenzierung werden diese in der Aussprache mit verschiedenen Tönen belegt (mā, má, mǎ, mà, ma). Klingt noch immer recht wenig, wenn man bedenkt, das das offizielle Wörterbuch der chinesischen Sprache (中华字海 = Zhōnghuá Zìhǎi) 87.000 verschiedene Schriftzeichen umfasst – die jedoch kein Mensch alle kennt. Ein modernes Standardwörterbuch umfasst rund 6.000 Schriftzeichen.

Um die chinesische Zensur zu umgehen werden Obszönitäten also mit gleichklingenden Silben ersetzt. Am Beispiel des Gras-Schlamm-Pferdes (草泥马 = cǎo ní mǎ) möchte der Internet-Nutzer mit besonders harten Worten fluchen: Càonǐmā (肏你妈) kann wörtlich mit „fuck your mother“ übersetzt werden. Für beide Begriffe werden die gleichen Silben verwendet, jedoch bei unterschiedlicher Tonation und unterschiedlichen Schriftzeichen.

Erstmals tauchte das Gras-Schlamm-Pferd 2009 in einem zunächst unscheinbar wirkenden Kinderlied auf. Das Video wurde über Nacht zum Hit und machte das Gras-Schlamm-Pferd zum Maskottchen der Online-Protestbewegung. Im Video wird das Caonima als lebhaft, intelligent und beharrlich beschrieben. Es wird erklärt, dass seine Existenz von „Flusskrabben“ bedroht wird, die in seinen Lebensraum eindringen.

Die Flusskrabbe steht dabei für die Zensur des Internets. Wird ein Beitrag gelöscht, so erscheint die Zensur-Bekanntmachung, dass der Beitrag „harmonisiert“ (和谐 = hé xié) wurde. Die Zensur-Kritiker sprechen dann davon, dass die „Flusskrabbe“ (河蟹 = hé xiè) den Beitrag gefressen hat.

Weitere Fabelwesen

Dem Pferd folgte bald eine bunte Vielzahl weiterer chinesischer Wortspiele, über die man versuchte die Internetzensur, sowie die Keyword-Filter zu verspotten. Fabelwesen die – ähnlich wie das Caonima – in schriftlicher Form völlig harmlos sind, die sich aber beim Sprechen wie Schimpfwörter und obszöne Begriffe für Geschlechtsorgane, Masturbation oder intime Aktivitäten anhören.

Da gibt es den „französisch-kroatischen Tintenfisch“ (法 克 鱿 = Fǎ Kè Yóu), der sich von der direkten Transliteration „fuck you“ aus dem Englischen ableiten lässt. Die „Jiba Katze“, die wie „Schamhaar“ ausgesprochen wird, das „Dafei-Huhn“, dass nach „ornanieren“ klingt. YaMieDie, der „zarte, elegante Schmetterling“ (雅 蠛 蝶, Yǎ Miè Dié) ist ein Ausdruck aus der Vergewaltigungsszene. JuHuaCan (菊花 蚕, Jú Huā Cán), wörtlich „Chrysanthemum Seidenraupen“ verhüllt vulgären Slang, der sich auf Analverkehr bezieht.

Moderner Protest mit Kult-Status

Heute hat sich das Gras-Schlamm-Pferd zu einem Kult-Phänomen in Chinas Chat-Foren entwickelt. Es gilt als als das Maskottchen der Internetnutzer, die für freie Meinungsäußerung kämpfen. Der kreative, subtile Protest inspiriert die User zu Gedichten, Liedern, Bildern und Gifs, Cartoons und Videos, sogar Stofftiere zeigen das Tier, dass angeblich dem Alpaka ähneln soll.

Bild: https://pixabay.com/de/alpaka-staunen-tier-1191300/